Das Nabucco-Projekt und die Türkei

Heute wollen wir uns mit der Nabucco-Pipeline beschäftigen. Es soll die Frage geklärt werden mit welchem Erdgas die Nabucco-Pipeline gefüllt werden soll.
Die türkische Pipelinegesellschaft Botas wird die Nabucco-Pipeline ab dem Erdgasverteilungsnetzwerk Ahiboz bei Ankara mit Erdgas auffüllen. Das Erdgasverteilungsnetzwerk Ahiboz ist konzipiert worden um 166 Milliarden m³ Erdgas in das Pipelinenetzwerk der Botas zu verteilen. Im Erdgasverteilungsnetzwek treffen derzeit aserisches Erdgas (SCP-Pipeline), russisches Erdgas (Blue-Stream) und iranisches Erdgas (Bazargan-Erzurum) ein.
In den kommenden 3 Jahren trifft die Trans-Arabische Pipeline in Ahiboz ein. Diese Pipeline führt vom ägyptischen Arish über Jordanien und Syrien in die Türkei. Alleine diese 3 Pipelines sorgen für 46 Milliarden m³ Erdgas, dass in Ahiboz eintrifft. Alle 3 Pipelines enden in multinationaler Projekttätigkeit direkt hinter der türkischen Grenze. Mittels staatlichen Pipelines wird das Erdgas nach Ahiboz geleitet, wo es entweder in die Provinzen geleitet wird oder in die Exportpipelines umgeleitet wird.

Aus dem Iran wird derzeit über die Bazargan-Erzurum Pipeline 10 Milliarden m³ Erdgas importiert. Der Liefervertag wurde 1996 mit dem Iran unterzeichnet und ist 2001 in Kraft getreten. Der Iran und die Türkei stehen unmittelbar davor ihre Energiezusammenarbeit zu vertiefen. Geplant sind Investitionen von türkischen Staatsfirmen (Botas, TPAO) von etwa 3,5 Milliarden $ für die Projektphasen 21, 22 und 23 im South-Pars Erdgasfeld. Seitens der türkischen Staatsfirmen (Botas, TPAO) sollen 20 Milliarden m³ Erdgas gefördert werden. Zudem  ist eine türkische Privatfirma (Turcas) in einem Konsortium mit der OMV zusammengeschlossen, dass weitere Projektphasen des South-Pars Erdgasfeldes ausbeuten wird. OMV ist auch in das Nabucco-Projekt involviert. Der Iran und die Türkei planen neben dem Bau von Kraftwerken und Staudämmen auch eine neue Pipeline, die zusätzliches Erdgas in die Türkei befördern wird.

Im Zuge dieser Energiekooperation mit dem Iran, hat sich der Iran auch dazu bereit erklärt sein Territorium für turkmenische Erdgaslieferungen in die Türkei freizugeben. Die Türkei hat mit Turkmenistan im Jahre 1999 einen Erdgaslieferungsvertrag über 16 Milliarden m³ unterzeichnet. Dieser Vertrag konnte bisher aufgrund einer fehlenden Verbindung zwischen Turkmenistan und Türkei nicht in Kraft treten. Im Jahre 2006 hat das türkische Unternehmen (Calik) Sondierungsarbeiten am Iolatan-Erdgasfeld in Turkmenistan aufgenommen. Dieses Erdgasfeld hat potentielle Reserven von 7 Billionen m³ Erdgas. Neben dem türkischen Unternehmen ist auch die Chinesische CNC (China National Petroleum) in einer anderen Projektphase in Sondierungsarbeiten zur Ausbeutung dieses Erdgasfeldes involviert.
Durch die Energiekooperation zwischen dem Iran und der Türkei kann nun neben den 16 Milliarden m³ Erdgas aus dem Erdgaslieferungsvertrag von 1999 auch das in Zukunft von der türkischen Firma (Calik) geförderte Erdgas in Turkmenistan in die Türkei gelangen.

Schon vor etwa einem Jahr machten Presseberichte von sich aufmerksam, dass SHELL und 3 türkische Unternehmen ein Konsortium gegründet haben mit dem Ziel Erdgasfelder im Irak auszubeuten und in die Türkei zu befördern. Neben SHELL sind die türkischen Staatsfirmen Botas, TPAO und das privatwirtschaftliche Unternehmen Tekfen involviert. Seit dem 5. November 2007 waren sowohl Premierminister Erdogan als auch Staatspräsident Gül unabhängig voneinander in Washington. Es ist bekannt, dass neben der Anti-Terrorismus Kooperation auch das Energie-Thema eine Rolle gespielt hat. Der türkische Energieminister war jedesmal bei diesen Konsultationen anwesend. Laut Äusserungen vom türkischen Energieminister wird sich auch die USA an dem Konsortium von SHELL, Botas, TPAO und Tekfen beteiligen.
Auf Kleininvestitionen und vor allem illegale Aktivitäten von türkischen Unternehmen (Petoil, Genel Enerji) in der Kurdenzone soll hier nicht eingegangen werden. Botas hat diesen Monat erstmals die praktische Projektphase eingeleitet, indem es Studien zur neuen Erdgaspipeline begonnen hat.
Wie von TPAO verkündet wurde, hat sich das Konsortium auf 3 Projektphasen geeinigt:
1. Erdgasförderung in und um Kirkuk herum
2. Erdgasförderung in Masuriya
3. Erdgasförderung im Süd-Irak

Im Detail handelt es sich um diese Erdgasfelder:
Chemchemal, Anfal, Kirkuk, Bai Hassan, Khabbaz, Jambur, Ajil, Jeria Pikka, Siba, Hamrin, Kashm Ahmar, Mansuriya, Tel Ghazal und Naft Khana

TPAO geht von jährlich 116 Milliarden m³ Erdgas aus, die man aus diesen Erdgasfeldern produzieren werden kann. Als erstes sollen schon erschlossene Erdgasfelder in und Kirku herum mit Gesamtreserven von 456 Milliarden m³ erschlossen werden. Die jährliche Produktion wird bei diesen im Norden gelegenen Erdgasfelder zwischen 11 und 16 Milliarden m³ liegen. TPAO plant in diesen Erdgasfelder 65 Fördertürme neu zu errichten, 61 bestehende aber nicht komplette Fördertürme zu vollenden, 500 KM innerirakisches Pipelinenetzwerk zu errichten und eine 750 KM lange neue Erdgaspipeline paralell zur bestehenden Erdöl-Pipeline Kirkuk-Yumurtalik (Ceyhan) zu errichten.

Durch Bemühungen seitens der EU vergangener Woche ist auch die Chance gestiegen, dass sich der Irak an der schon erwähnten Trans-Arabischen Pipeline beteiligen wird. Eine eventuelle Anbindung zur in die Türkei führenden Trans-Arabischen Pipeline soll über Syrien hergestellt werden, welches Transitland der ursprünglichen Strecke ist.

Sobald die Nabucco-Pipeline mit 31 Milliarden m³ Maximalkapazität Erdgas ins österreichische Baumgarten befördert, wird die Türkei 1 Mrd Dollar an Transitgebühren einnehmen. Neben diesen Transiteinnahmen wird der Staat auch mittels den Staatsunternehmen, die in den Nachbarregionen in Erdgasaktivitäten involviert sind, Erdgas mittels der Nabucco-Pipeline in Europa absetzen.

Das Erdgasverteilungsnetzwerk Ahiboz ist konzipiert worden um 166 Milliarden m³ Erdgas zu verwalten. Ahiboz ist paralell zum Erdölterminal Ceyhan das Erdgasterminal der Türkei, beide konzipiert dafür die Weltmärkte mit Ressourcen aus der Region zu beliefern. Der prognostizierte türkische Eigenbedarf an Erdgas liegt für 2008 bei 37,5 Milliarden m³.

Derzeit besteht erst eine Exportroute von der Türkei Richtung EU. Dies ist die Türkei-Griechenland Pipeline, die 2007 eigeleitet wurde und 2012 nach Italien verlängert wird. Die Nabucco-Pipeline wird eine weitere Export-Route darstellen.
Nach einem Treffen des türkischen Energieministers mit Vertretern von StatOil und dem schweizerischen Energieminister die vergangenen Tage, wurde der türkische Energieminister damit zitiert, dass die Türkei sich auch an der Trans-Adriatischen Pipeline beteiligen werde. Für die prognostizierten Erdgasmengen, die in naher Zukunft in der Türkei eintreffen werden, bedarf es nun einmal Exportrouten.

Die Entscheidung Gaz de France aus dem Projekt auszuschliessen ist rein politischer Natur. Mit dieser Geste hat die Türkei Frankreich auch deutlich gemacht, dass französische Firmen, die im Iran Erdgas fördern und in Zukunft Erdgas im Irak fördern werden sich eine andere und vor allem teurere Alternative suchen müssen, wie sie das Erdgas in Frankreich und auch in der EU absetzen können.
Die deutsche RWE ist als sechster Konsortiumspartner im Nabucco-Projekt eingestiegen. RWE möchte 5 Milliarden m³ aus der Nabucco-Pipeline zur Diversifikation erwerben. RWE plant zudem im Zuge dieses Projekteinstieges selbst 1 Milliarde € im Kapischen Raum in Explrationsarbeiten zu investieren.
Anders als bei Gaz de France ist eine Kooperation mit RWE politisch korrekt.

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